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Kurzgeschichten

Wie ich Schiller losgeworden bin

von Meinrad Braun

Der Tag, an dem ich Schiller begegnet bin war ein Sonntag. Mein Sohn Florian ging an die Tür, als es klingelte, ich sagte, geh doch mal, ich muss die Nudeln abschütten, er ging und kam zurück, stellte sich neben mich und sagte: „Papa, da ist ein Mann“.„Was für ein Mann?“ habe ich gefragt. Man sagt manchmal solche blödsinnigen Sachen. Jedenfalls habe ich das gesagt und mein Sohn sah mich an und sagte: „Na ja“, dabei hat er den Kopf ein wenig schief gelegt.

Ich schüttete die Nudeln daraufhin etwas schneller in den Durchschlag und ging zur Tür, dabei dachte ich, womöglich die Polizei, irgendjemand hat mich vielleicht aufgeschrieben, weil ich einen der Bäume im Viertel beim Ausparken gestreift habe oder über die rote Ampel gefahren bin, was man eben denkt in so einem Augenblick. Ich kam dann an die Tür und da stand tatsächlich ein Mann, dessen Kurzbeschreibung meinem Sohn nicht schlecht gelungen war.

Wie er aussah? Na ja, er sah ziemlich komisch aus, ich habe vergessen, zu erwähnen, dass es draußen regnete was es konnte. Der Mann war also total nass und er trug seltsame altmodische Klamotten, er sah aus, als habe ihn eine Theatertruppe vor vierzehn Tagen rausgeschmissen, und in der Zwischenzeit hätte er unter den Brücken gelebt. Was beinahe zutraf, wie sich kurz darauf herausgestellt hat.

„Abend“ sagte ich, das glaube ich jedenfalls.

Der Mann sagte nichts, er nickte mehrmals schnell hintereinander, seine langen grauen Haare waren zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, und er war nicht rasiert. Ziemlich klein, vogelartig hager und heruntergekommen, die blauen Augen gingen hin und her wie Murmeln, die man schüttelt, er versuchte, mich zu fixieren, kriegte es dabei hin, dass seine Augen alle beide stehen blieben, und sagte:

„Ich bin Friedrich Schiller.“

Nun setzt bei mir in solchen Augenblicken ein bestimmter Reflex ein, der es mir erspart, mich zu ärgern oder aufzuregen. Ich sagte in freundlichem Ton, aber mit einer gewissen Distanz: „Aha.“ Der Mann starrte mich trotzig an und sagte weiter nichts, als hätte das gereicht, dass er Friedrich Schiller sei und , wenn er es gewesen wäre – nun, er war es, wie sich später herausstellen sollte, dann hätte es ja auch gereicht, aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Also sagte ich:

„Brauchen Sie Hilfe?“

Wobei ich anklingen ließ, im Ton meine ich, dass diese Hilfe von mir, aber auch von anderer Seite, von jeder Seite eigentlich kommen könnte.

Der Mann antwortete nicht, ich sah an ihm herunter und bemerkte seine ausgelatschten, völlig verdreckten altmodischen Schnallenschuhe. Vielleicht hatte man ihn bei der „Tafel“ aus einer Kleidersammmlung mit alten Theatersachen ausstaffiert. Er stand hochtrabend da, hatte einen Fuß vorangestellt und die rechte Hand in die Hüfte gestemmt. Die Hand zitterte.

Inzwischen war auch meine Frau an der Tür angekommen, ich merkte es daran, dass sie mir auf die Schulter tippte und ihre Stimme hinter meinem Rücken sagte: „Wollen Sie nicht einen Augenblick reinkommen?“

„Vielleicht könnten Sie die Schuhe ausziehen“, fügte ich der Einladung noch hinzu.

Schiller, ich nenne ihn von jetzt an so, weil das ja, wie sich zeigen sollte, stimmte, nickte gravitätisch, und versuchte, seine Stiefel auszuziehen, dabei schwankte er so, dass wir, also meine Frau und ich, mein Sohn fasste auch mit zu, ihn stützen mussten, damit er nicht in unserem Windfang umfiel. Meine Frau fragte ihn, weil das angesichts von Schillers Zustand nahe lag, prompt, ob er Hunger habe. Schiller mehrmals hintereinander sehr knapp, und wir führten ihn mitsamt seinen dreckigen Stiefeln an unseren Esstisch, wo wir ihn mehr oder weniger auf die Bank drückten, die dort an der Wand steht. Ich ergab mich in die Gastgeberrolle und sagte freundlich:

„Es gibt Spaghetti Bolognese“.

„Schpaghetti“ wiederholte Schiller. „Italienisch. Das ist Italienisch“, stellte er fest. Ich hörte, dass er leicht schwäbelte und dachte automatisch: echt Schiller, dabei war er es ja auch, aber, wie gesagt: zu diesem Zeitpunkt -, na eben. Um es kurz zu machen, Schiller futterte wie ein Scheunendrescher, er hatte bestimmt seit längerer Zeit nichts mehr zu essen gekriegt. Meine Kinder, inzwischen war meine Tochter auch aus ihrem Zimmer heruntergekommen und hatte sich zu uns an den Tisch gesetzt, meine Kinder also sahen andächtig zu, wie Schiller aß. Ich hatte ihn meiner Tochter leise vorgestellt, während er sich gerade einen zweiten Batzen Nudeln aus der Schüssel angelte. „Herr Schiller“, sagte ich zu ihr, „Friedrich Schiller“, und wir hoben beide die Augenbrauen, zu Schiller sagte ich: „Meine Tochter  Katharina, meinen Sohn Florian kennen Sie ja schon“.

Schiller nickte mit vollem Mund, meine Tochter, die mit ihren Spaghetti schon lange fertig war, ging zum Bücherregal und holte die „Räuber“ heraus, ein Reclamheft. Sie legte es neben sich auf den Esstisch und wir warteten alle schweigend, bis Schiller mit seinen Nudeln fertig war. Wir hatten eine Flasche Wein aufgemacht, weil wir das abends immer tun, und natürlich haben wir auch Schiller ein Glas hingestellt. Er stürzte es hinunter und sank danach mit geschlossenen Augen an die Wand zurück. Einen Moment lang dachte ich, er würde das Bewusstsein verlieren oder einschlafen, aber er rappelte sich wieder hoch und sein Blick fiel auf das Buch. Er griff danach und las den Titel. Dabei kniff er die Augen zusammen, als fiele ihm das schwer. Er klappte es auf und blätterte darin, schüttelte ein paar Mal den Kopf, dann legte er es wieder ihn und sagte, das sei von ihm.

„Das ischt von mir“, sagte er. Und fügte, wieder mit resigniertem Kopfschütteln hinzu, derlei habe er noch nicht gesehen – er sagte wirklich „derlei“, wie er sich überhaupt, wenn er redete, ziemlich geschraubt ausdrückte, aber das war ja klar, weil – nun, aber das wussten wir eben nicht.

Woher er denn jetzt komme, habe ich ihn gefragt und wieso er sich gerade bei uns gemeldet habe. Ich wollte eine Konversation anfangen, verstehen Sie, die damit beginnt, dass einer kommt, aber dann auch wieder geht, denn über kurz oder lang könnte ich ihn dann fragen, wo er jetzt anschließend hin wollte.

Aber erst einmal sagte Schiller, er komme aus dem Elysium.

Wir haben uns alle angesehen, meine Frau sah weg, ich habe nachgefragt, freundlich, wirklich freundlich: „Sie meinen vielleicht „Asyl“ oder?“

Schiller hob wieder seine lange Nase, sie sah tatsächlich aus wie auf den Bildern die es von ihm gibt, das habe ich später nochmals verglichen, sonst sah er sich überhaupt nicht ähnlich – na ja, also er starrte mich mit diesem hochfahrenden Blick an und beantwortete meine Frage nicht. Statt dessen trank er das Glas Wein aus, das wir ihm nachgeschenkt hatten, und meine Kinder erhoben sich, dabei raunten sie uns, wie sie das in solchen Fällen tun – wenn langweilige Erwachsene am Tisch sitzen – sie hätten noch zu lernen, im Klartext heißt das, das weiß ich genau: chatten oder lesen.

„Und was haben Sie jetzt vor“, fragte ich, in einer wie ich fand, gekonnten Mischung aus Teilnahme und distanziertem Interesse, weil ich mich abends auch ganz gern noch zurückziehe und weil ich weiß, dass meine Frau den „Tatort“ nicht verpassen will.

Diese Frage konnte oder wollte Schiller nicht beantworten, er wich meinem teilnehmenden Blick aus und griff sich noch einmal das Reclamheft das auf dem Tisch lag mit dem „Räubern“, starrte hinein und fing an, darin zu blättern. Ich stand so lange auf und räumte die Teller weg, als Signal sozusagen, dass die Tafel jetzt aufgehoben sei. Aus den Augenwinkeln sah ich, als ich das Geschirr zur Spülmaschine trug, dass Schiller mit einem Bleistift, der auf dem Tisch gelegen hatte, etwas in das Heft kritzelte, es zuklappte und wieder auf den Tisch legte. Ich stapelte die Teller umständlich in die Spülmaschine. Weil sie damit voll war, holte ich noch eine Spülmitteltablette, schob sie rein, dann ließ ich die Maschine laufen.

Als ich mich dabei kurz mal undrehte, sah ich, dass Schiller gerade in den Brotkorb langte und sich das Brot, das noch darin gewesen war, in die Hosentaschen stopfte. Er bemerkte meinen Blick und hielt ihn trotzig aus. Ich hätte nichts dazu gesagt, wirklich nicht, aber mein Großmut wurde durch die Türklingel durchbrochen, die ging nämlich schon wieder.

Meine Frau, die inzwischen oben im Wohnzimmer die „Tagesschau“ laufen hatte, rief herunter: „Gehst du?“

Ich ging also. Draußen stand die Polizei. Diesmal tatsächlich.

„Abend“ sagte ich, wie immer eben.

„Guten Abend“, sagte der Beamte vorschriftsmäßig in zwei Worten und dann: „Entschuldigen Sie.“

Ich machte ein entschuldigendes Gesicht und der Polizist fragte, ob wir einen Mann in abgerissener, altmodischer Kleidung gesehen hätten, der einen grauen Zopf trage. Der mache die Umgebung hier unsicher.

In diesem Augenblick, wissen Sie – also ich habe später noch oft an diesen Moment gedacht, da hätte ich etwas tun können, etwas – wie soll ich sagen, etwas wirklich Wichtiges, so möchte ich mich mal ausdrücken. Ich hätte Schiller retten können.

Aber das habe ich nicht getan. Ich habe den Polizisten angesehen und tief eingeatmet, dabei drehte ich mich halb um zu Schiller, der in unserem Esszimmer saß, gut sichtbar, wenn ich einen Schritt nach rechts machen würde.

Diesen Schritt zur Seite konnte ich nicht machen, obwohl ich dabei war – ich gebe es zu -, ihn zu tun, denn Schiller stieß mich im gleichen Augenblick zur Seite, rannte durch den Windfang an mir und dem Polizisten vorbei, der ihm völlig verdutzt nachsah, ich meine, wir sahen ihm beide völlig verdutzt nach, der Polizist und ich. Wir sahen ihm dabei zu, wie er die Gartentür aufstieß, über die Straße durch den Lichtschein der Straßenlaterne rannte, in dem man den Regen herunterkommen sah wie aus einer angedrehten Dusche, und dann sahen wir ihn in dem Brachgrundstück verschwinden, das uns gegenüber liegt.

„Das war er doch“, sagte der Polizist fassungslos.

Ich konnte dazu nur nicken.

Der Polizist sah mich an, jetzt nicht mehr fassungslos, sondern eher verärgert, würde ich sagen, und rannte grußlos aus der Tür, Schiller hinterher. Ich sah noch eine Weile in den Regen hinaus, aber es passierte nichts. Schiller blieb verschwunden, der Polizist ebenfalls.

Bevor ich ‚raufging, um mir mit meiner Frau zusammen den „Tatort“ anzusehen, ging ich zum Esstisch und nahm des Reclamheft mit den „Räubern“ zur Hand. Ich klappt es auf und sah mir an, was Schiller hineingeschrieben hatte. Da stand in altmodischer Schrift, ich konnte es zuerst kaum lesen:

„Frei seien alle meine Knechte!“ Darunter: „Friedrich Schiller.“

Ich habe es meiner Frau gezeigt. Nach dem Tatort gingen wir mit dem Heft in den Keller, ihr war nämlich eingefallen, dass in ihrer Ausgabe von Schillers „Dramen“ ein Foto von Schillers Unterschrift wäre.

Nun, Sie ahnen es schon. Wir ahnten es auch, als wir das Reclamheft neben das Foto hielten.

Wir fuhren dann am nächsten Wochenende nach Marbach, wir hatten uns vorher dort telefonisch mit einem Experten verabredet. Während der Fahrt über die Autobahn, es war bei Heilbronn, und es war sehr schönes Wetter, fragte mich meine Frau plötzlich, ob ich mir eigentlich überlegt hätte, was passieren würde, wenn die Unterschrift tatsächlich als echt anerkannt werden würde.

„Nein“, habe ich gesagt.

Wir fuhren weiter, ich fuhr, meine Frau saß neben mir, und wir dachten angestrengt nach, etwa zwanzig Sekunden lang. Dann sagte ich:

„Gib’s mir. Ich lass das Fenster runter und schmeiße es raus, in Ordnung?“

Sie hat mich einen Moment angesehen und sich auf die Lippen gebissen, dann hat sie genickt. Zwei Mal, ich konnte ganz sicher sein.

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1 Kommentar »

  1. Nichts wegschmeissen ;-))))

    Kommentar von ibhiob — Januar 14, 2010 @ 5:18 pm | Antwort


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